Interviewreihe “Watt sähste?” Teil 1

In unserer neuen Interviewreihe “Watt sähste?” möchten wir euch in regelmäßigen Abständen Personen aus der Fanszene und ihre besondere Verbindung zu Eintracht Trier vorstellen. Den Anfang macht heute ein Jäger und Sammler mit einem besonderen Hobby. Wenn ihr auch SVE-Fans kennt, die wir unbedingt mal interviewen sollten, dann meldet euch gerne bei uns. Nun erstmal viel Spaß beim Lesen und genießt den Feiertag!

Hallo Jäger und Sammler, vielen Dank zunächst einmal das du dir die Zeit nimmst uns ein paar Fragen zu deiner Sammelleidenschaft zu beantworten. Erzähl uns doch zunächst einmal wie du dazu gekommen bist Aufkleber zu sammeln:

Moien FP! Ich würde sagen, die Sammelleidenschaft wurde mir in die Wiege gelegt. Schon mein Vater sammelte so allerhand verschiedenster Schätze: Von Münzen bis hin zu Zeitungsartikeln über unsere Eintracht. Ja und wie man als kleiner Junge nun mal so ist, schaut man sich doch das meiste bei seinen Eltern ab. So hat alles im Alter von 10-11 Jahren irgendwie begonnen. Zunächst waren es aber nur Autogrammkarten. Weiter ging es mit Fußballtrikots, denn damals kickte ich sogar noch selbst bei unserer Eintracht. Mit dem Übertritt in die Faszination Fankultur ging es dann ans Eingemachte. Zur Anfangszeit standen sogar noch Buttons hoch im Kurs; die waren leicht zu bekommen und daher auch die ersten Schätze, die ich mir zulegte. Weiter ging es mit Seidenschals, sodass ich auch da so manchen Schatz mit meinen jungen Jahren mein Eigenen nennen konnte. Da all das aber mit der Zeit immer schwieriger wurde zu bekommen, stieg ich auf Aufkleber um. Da dürfte ich so um die 15-16 Jahre gewesen sein. Trier bzw. die Eintracht Fanszene war damals noch nicht so in der Materie Aufkleber vertreten. So handelte ich zuerst mit anderen Aufklebern aus den verschiedensten Teilen Deutschlands. Dreh und Angelpunkt war damals noch ultras.ws, wo es einen extra Thread gab, in dem alles getauscht wurde. Ja und so stieg ich dann ein in den Kosmos Ultraaufkleber. Zu Beginn natürlich mit einer richtig krassen Intensität, diese lies dann nach drei, vier Jahren etwas nach und die letzten Jahre stieg das Ganze dann wieder an. Es hat mittlerweile auch einen meditativen Charakter, man kann abschalten, sich an den neusten Motiven erfreuen und man ist so in seiner eigenen Welt. Entspannt halt und zeitlos!

Das ist ja ein ganz schön langer Zeitraum. Wie viele Kleber haben sich denn über die Jahre angesammelt und von welchen Fanszenen besitzt du die meisten? Was uns natürlich auch besonders interessiert: Wie viele Aufkleber aus der Trierer Fanszene befinden sich in deinem Besitz und gibt es noch Motive die dir fehlen?

Rückblickend betrachte ist es definitiv ein langer Zeitraum, der mit dem Eintritt in die aktive Szene einher ging. Aktuell bin ich bei 12.057 verschiedenen Aufklebern! In der aktiven Sammlerszene ist das allerdings eher „Abstiegskampf“. Dort gibt es Sammler, die sind schon bei 50.000, ein Sammler knackt jetzt alsbald auch die 100.000er Marke. Wie ihr also seht, bin ich kein Top Lad der Sammlerszene 😛 Liegt an den Jahren, in denen ich es hab ruhiger angehen lassen und nicht so aktiv getauscht habe wie aktuell. Aber ich denke in und um Trier dürfte ich damit die Spitze des Eisbergs sein 😀 Die Top drei Vereine sind Hamburg mit 558 Aufklebern, Dresden mit 479 Aufklebern und Dortmund mit 440 Aufklebern. In der Trierer Fanszene dürfte ich bis auf maximal drei, vier Stück alles haben, was jemals angeboten wurde. Die drei, vier fehlenden Motive wurde mir aber schon vom „Kunden“ versprochen. Laut seiner Aussage würde er mir diese bald besorgen – ich bin gespannt! Meinen Recherchen zu Folge sind es 230 verschiedene Motive, was im deutschlandweiten Vergleich auch eher im grauen Mittelfeld liegt. Im beschaulichen Trier mahlen die Mühlen halt etwas langsamer, wie wir ja alle wissen. Deshalb hat der große Aufkleber – Hype hier etwas zeitversetzt eingesetzt. Es gibt halt Szenen, die bringen alle zwei Wochen eine komplett neue Serie in hoher Stückzahl raus. Die großen Kurven Deutschlands haben natürlich auch eine viel höhere Abnehmerzahl. Dennoch ist das Thema meiner Meinung nach in der Trierer Szene nicht von so hoher Bedeutung wie evtl. anderorts.

 

Über 12000 Aufkleber, das klingt nach einer Menge Zeit und auch Geld das du dafür investiert haben musst. Wie genau kommst du denn an neue Aufkleber und kannst du uns grob verraten wie viel Zeit und Lowie dafür draufgehen?

Oh ja, Zeit sowie Geld sind da schon allerhand verbraucht worden. Wie viel Geld das aber jetzt insgesamt ist, das kann ich gar nicht sagen. Es ist halt wie mit allen Hobbys: Da es eine Herzensangelegenheit ist, achtet man da nicht so aufs Finanzielle. Der Zeitfaktor liegt bei guten 60 bis 90 Minuten pro Tag, an Wochenende ohne Fußball kann auch schon mal ein ganzer Tag drauf gehen. Das Einsortieren nimmt dabei mit Abstand die meiste Zeit in Anspruch, da man ja immer wieder abgleichen muss, ob man den Aufkleber schon hat oder halt nicht. Bei mittlerweile 14 Ordnern dauert das eben. Zudem muss man das übrige Tauschmaterial stets neu ablichten und in den jeweiligen Gruppen anpreisen. An neue Aufkleber komme ich auf unterschiedliche Weise. Einmal gibt es halt Tauschgruppen in den verschiedenen sozialen Medien. Hier wird dann das Doppelte angeboten und gegen Fehlendes getauscht. Auf der anderen Seite habe ich natürlich auch schon viele Leute geimpft, dass sie mir auf ihren Hoppingtouren neues Tauschmaterial mitbringen sollen. Das klappt bei einigen ganz gut, bei anderen eher weniger. 😉 Die dritte Variante ist, dass ich mir auf meinen Fußballtouren an den jeweiligen Verkaufsständen der Szene mein Material kaufe.

Gibt es spezielle Aufkleber, die dir besonders viel bedeuten und zu denen du uns eine Geschichte erzählen kannst?

Puh, da jetzt Aufkleber hervorzuheben ist nicht so einfach. Sicherlich sind die Aufkleber, die man selbst erworben hat, mit mehr Geschichte verbunden als die, die man getauscht hat. Wobei auch hier der ein oder andere Schatz dabei ist. Generell finde ich das kaufen beim jeweiligen Szenestand immer noch am coolsten und interessantesten, weil man auf der einen Seite die aktive Fankultur unterstützt und auf der anderen Seite zu sehen bekommt, wie das an anderen Standorten abläuft. Spontan würde ich die Aufkleber von Auslandstouren als „bedeutender“ einstufen, weil man oft anderen Kulturen und Sprachen ausgesetzt ist. Wobei das bis jetzt immer geklappt hat und die jeweiligen Menschen auch sehr freundlich und geduldig aufgetreten sind. Selbst beim Derby in Ljubljana war der Verkäufer tiefenentspannt als ich ihn da volltextete. Was mit der Zeit natürlich auch kommt ist, dass man immer wiederkehrende Tauschpartner hat, mit denen man sich dann auch abseits der „Materie Aufkleber“ trifft. Sowohl digital als auch real, wenn man z.B. gemeinsame Fußballtouren plant oder gezielt seinen Urlaub in die Gegend legt, in der derjenige wohnt, um sich dann auf ein Bier oder so zu treffen. Generell würde ich sagen, dass der Aufklebertausch eine andere/weitere Form des Austauschs ist. Klar man kontaktiert sich in erste Linie wegen der „Ware“, aber wenn die Chemie (In Leipzig nur Chemie!) stimmt, dann kommt man halt über Gott und die Fußballwelt ins Gespräch. Eine lustige Story fällt mir da allerdings ein. In der Anfangszeit bin ich mit Freunden nach Hamburg gefahren, um dem damaligen Dino der Bundesliga einen Besuch abzustatten. Natürlich wusste ich aus vorherigen Touren, dass es bei großen Szenen Verkaufsstände gibt. Ich habe mir dann im Volksparkstadion gedacht: „Dann mal nichts wie hin da und paar Aufkleber kaufen!“ Als ich dann nach längerem Suchen den Stand der CFHH fand und mich dort gerade eindeckte, brüllte von oben ein langer Typ nach unten: „Wir brauchen hier oben noch Helfer, um die Choreo vorzubereiten, packt mal mit an!“ Als ich mich dann zu dieser Person umdrehte, war es der legendäre Jojo der CFHH, der uns da gerade zum Mithelfen aufforderte. In dieser Situation mehr als witzig und für einen Grünschnabel wie mich natürlich ein absolutes Highlight. Oder aber auch als wir bei Ultras Darmstadt am Stand abgefeiert wurden und es paar Merchandising Artikel für lau gab. „Ey, wo kommt ihr her?“ Da wir uns nicht sicher waren, ob die Herrschaften Trier kennen würden und wir keine Böcke auf unnötige Nachfragen hatten, lautete unsere gemeinsame Antwort: „Luxemburg!“. Party on, vielleicht waren sie aber auch alle im Ganja Rausch zu diesem Zeitpunkt. Legendär war sicherlich auch, als ich beim Pokalspiel zwischen Jena und Union deren komplettes Inventar gekauft habe und die folgenden Stunden geschmückt wie ein Tannenbaum durchs Erst Abbe Sportfeld gestolpert bin. Bei Dynamo bediente mich zudem mal Lehmi, wobei ich Nachhinein sagen würde, dass das kein klassischer Ultras Dynamo Stand war, sondern irgendwas zwischen Fan – und Supportersshop.

 

Kann man sich das also ein Stück weit so vorstellen wie eine moderne Form des Briefmarkensammelns? Und können Ultraaufkleber zu Wertanlagen werden?

Definitiv, es ist das moderne Briefmarkensammeln. Positiver Nebeneffekt: Aufgrund der vielen Post, die tagein tagaus eintrudelt, wirft das Ganze immer ein paar Briefmarken ab. Ja, was da mittlerweile für Preise verlangt werden, für bestimmte Aufkleber – unnormal! Das Ganze ist auch sicherlich nicht mehr im Sinn der jeweiligen Szenen. Diese bieten die Aufkleber für faire Preise an und im Netz werden die drei– oder vierfachen Preise aufgerufen. Aber das ist bei allen Artikeln, die aus der Feder der Ultragruppen stammen so. Seidenschals der jeweiligen Hauptgruppen sind ebenfalls richtige Wertanlagen. Hierzu gibt es auch schon von einigen Szenen Stellungnahmen zu diesen Themen. Zudem ist es mittlerweile so, dass die Fälschermafia auf diesen Geschäftszweig aufgesprungen ist und richtig viele Fälschungen im Umlauf sind. Hiervon sind vor allem die Szeneschals betroffen, aber auch bei Aufklebern, die in der Regel seltener sind, sind solche Kopien im Umlauf. Wie ihr seht, ein wirklich komplexes Themenfeld dieses Aufkleber Ding.

Hast du dir ein Ziel gesetzt wie viele Aufkleber du mal besitzen möchtest und ab wann wird der Platz zuhause knapp?

Als Ziel habe ich mir eigentlich nur gesetzt, dass ich alle Aufkleber, die es in Trier gibt oder jemals geben wird, in meiner Sammlung haben möchte. Ansonsten bin ich da für alles offen. Aber ich gehe davon aus, dass ich auch früher oder später mein eigenes „Ankleidezimmer“ benötige, um einfach meiner Jäger- und Sammlerleidenschaft gerecht zu werden. Da es neben dem Hauptfeld Aufkleber noch ein, zwei weitere kleine Felder gibt, z.B. Schals oder auch Trikots. Aktuell passt es aber mit dem Platz noch, da ich ein eigenes Ikea Regal dafür abgezweigt habe und da noch ein paar freie Plätze zur Verfügung stehen. Ansonsten steuere ich jetzt ganz klar die 15.000er Grenze an. Durch Corona wird das Ganze natürlich nicht einfacher, da es nur begrenzt die Möglichkeit gibt, um Nachschub zu organisieren bzw. allgemein der Markt langsam ausdünnt.

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick in eine außergewöhnliche Sammelleidenschaft. Die letzten Worte gehören dir:

Die berühmten letzten Worte! Na dann sage ich mal vielen Merci, dass ich hier ein bisschen was von meiner Leidenschaft mit euch teilen durfte und ihr diese Plattform ins Leben gerufen habt. Ich gehe doch mal stark davon aus, dass noch mehr solcher Gespräche in Zeiten von Corona geplant sind?! Auf jeden Fall eine feine Idee, die ihr so fortführen solltet. Ansonsten bleibt alle gesund, unterstützt weiterhin unsere Eintracht bei ihren Aktionen und hoffentlich sehen wir uns alle bald wieder live und in Farbe. Sollten sich Leser auf dieses Gespräch melden, die sagen, ich habe aber noch Motive, die du niemals haben kannst oder aber ihre Kleber nicht mehr brauchen sollten, dann immer her damit! 😉 Im FP abgeben und der Jäger und Sammler wird sich diesen annehmen. Außerdem möchte ich an dieser Stelle noch meiner Dame zu Hause für ihr Verständnis und ihre Geduld danken – Merci! Ansonsten bleibt nur noch zu sagen: Haltet die Stadt von anderen greilien Aufklebern sauber und erhaltet das Kulturgut Aufkleber!